Selbsterfahrung durch Malen und Gestalten - Die therapeutische Kraft der Kunst nutzen

Selbsterfahrung durch Malen und Gestalten - Die therapeutische Kraft der Kunst nutzen

 

 

 

von: Martin Schuster, Hildegard Ameln-Haffke

Hogrefe Verlag Göttingen, 2013

ISBN: 9783840924057

Sprache: Deutsch

188 Seiten, Download: 17977 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

geeignet für: Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen PC, MAC, Laptop


 

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Selbsterfahrung durch Malen und Gestalten - Die therapeutische Kraft der Kunst nutzen



Heilsame Bildvorstellungen können dann fest in der unbewussten Welt des bildhaften Denkens verankert werden. Als die Menschen noch nicht über eine medizinische Wissenschaft verfügten, wurden auch die körperlichen Krankheiten in einer therapeutischen Trance behandelt, die der Schamane beispielsweise durch Trommelschlagen und Gesänge einleitete. In ihr gab er bildhaft z. B. die Suggestion, dass die Seele wiedergefunden oder dass die Krankheit vertrieben werden kann. Die Erfolge der schamanistischen Kur waren erheblich!

Beispiel: Iris spannt Fäden über ein Brett (vgl. Abb. 2) und gestaltet so schöne geometrische Bilder. Gerade beim Nageln der Knüpfpunkte an den Seiten der Grundplatte, also bei einer gleichförmigen Tätigkeit kann sie in tiefe Trance geraten. Dies ist auch deshalb möglich, weil das Nageln irgendwie wie eine „sinnvolle“ Tätigkeit erscheint und nicht einfach Müßiggang ist.



2. Das Malen aktiviert das bildhafte Denken und spielt natürlich Bilder in die Gedächtnisdatenbanken ein. Unser Denken in Worten ist eine späte Errungenschaft der Evolution, davor liegt ein Denken in Bildern, das ein wenig unbewusst ist, aber gleichzeitig einen viel direkteren Zugang zu Körperprozessen hat. Ein Beispiel macht das deutlich: Das Wort „Zitrone“ allein führt zu keinen besonderen körperlichen Reaktionen. Die Vorstellung der gelben Zitronenhaut, des gelben Fruchtfleisches, evtl. eines Spritzers des Zitronensaftes auf unsrer Zunge löst – so würde man erwarten – auch jetzt bei Ihnen beim Lesen – einen leichten Speichelfluss aus. Beim Malen lernen wir selbst etwas über die inneren Vorstellungen, welche Bildvorstellungen, Befürchtungen und Hoffnungen unser bildhaftes Denken birgt. Wir können diesem Denken aber auch Vorbilder geben.

3. Mit der Muttermilch haben wir aufgenommen, dass man mit Worten lügen kann. „Mama kommt gleich wieder“ wird gesagt, manchmal stimmt es nicht. Wenn das Kind die Mama aber sieht, dann ist sie da. Dem, was er selbst sieht, kann der „ungläubige Thomas“ vertrauen. Wenn also etwas gesehen werden kann, glauben wir es. Die Werbung bedient sich dieser Tendenz, aber auch der Maler kann im Bild etwas Wirklichkeit werden lassen, was er anstrebt und damit bekommt es auch ein Stück Wirklichkeit. In der Religionsausübung gibt es viele Rituale, die die Beteiligten sehen, hören, schmecken und fühlen. Sie können die Seele beeinflussen, im günstigen Falle therapieren. Nachfolgend gehen wir auch auf die Gestaltung von Ritualen ein (vgl. Kapitel 7). In der politischen Propaganda, speziell des Dritten Reiches, waren es ganz besonders die Rituale der Parteitage und Aufmärsche, welche die Massenseele beeindrucken konnten.

4. Die Farben des Frühlings erfreuen uns und hellen unsere Stimmung auf. Das Grau des Winters dagegen kann niedergeschlagen machen. Der Umgang mit Malfarben ist auch ein emotionales Ereignis. Allein das Mischen einer schönen und interessanten Farbe kann uns in einen Bereich positiver Gefühle hineintragen, der sich dann einprägt und in Zukunft in verstärktem Maß zur Verfügung steht. Über die Wirkung der Farben auf das „Gemüth“ hat schon Goethe nachgedacht, seine Farbenlehre ist für den Hobbymaler (auch Goethe war ein engagierter Hobbymaler) sicher eine spannende Lektüre. Die anthroposophisch orientierte Maltherapie geht davon aus, dass Farben und Formen den Menschen seelisch bewegen. Bestimmten Farben und Formen werden verändernde Kräfte zugesprochen. So soll u. a. die Farbe Rot wärmen, Gelb die Sinne wecken, Blau verinnerlichen, Grün ruhigen Ausgleich schaffen, Orange Licht geben und stärken und Violett die Seele erweitern. Auch bestimmte Farbkombinationen haben nach dieser Auffassung ihre eigene, beeinflussende Wirkung.

5. Das Malen erzeugt einen ganz besonderen Geisteszustand, das sogenannte „Flow-Erlebnis“. Anforderungen und Fähigkeiten befinden sich in einem Gleichgewichtszustand, d. h., dass die Fähigkeiten sind eben so groß, um die gestellten Anforderungen (leicht) zu bewältigen. So einen Zustand hat Mihály Csikszentmihalyi (2010) bei Bergsteigern und Schachspielern erforscht.

Vielleicht erinnern Sie sich, dass Ihre Großeltern in Ruhepausen, um zur Ruhe zu kommen oder um sich abzulenken, Patiencen legten oder Solitaire spielten. Heute gibt es diese Spiele natürlich auch noch und sie erfreuen sich weiterhin ihrer Beliebtheit. Aber wir konnten in gleicher Weise beobachten, dass man auch über das Malen und über künstlerische Aktionen in einen selbstvergessenen Zustand kommen kann, den Glücksforscher als „Flow“ bezeichnen: Beim Malen und Gestalten vergaßen die Menschen alles um sich herum, gingen ganz in der Tätigkeit auf und empfanden aufgrund dessen Glücksgefühle. Beim künstlerischen Tun übt man also das Glücklichsein ein! Man kann die therapeutische Kraft des Malens nicht drastischer betonen, als dies Hermann Hesse (1980/1925, S. 90) tat: „Es ist so, dass ich längst nicht mehr leben würde, wenn nicht in der schweren Zeit meines Lebens die ersten Malversuche mich getröstet und gerettet hätten.“

Und an anderer Stelle: „Seit Jahren bin ich auch mit Malen und Zeichnen beschäftigt, mein Ausweg um in bittersten Zeiten das Leben ertragen zu können und um Distanz von der Literatur zu gewinnen.“

1.5 Gibt es einen Zusammenhang von Kreativität und seelischer Gesundheit?

Ist Malen kreativ? Fördert Kreativität die Gesundheit? Ein „Ja“ auf diese beiden Fragen wäre zu einfach. Heutige Künstler müssen innovativ sein und denken von daher beim Begriff „Malen“ die „Kreativität“ gleich mit. Der Hobbykünstler, der eine Landschaft oder ein abstraktes Bild malt, bewegt sich dabei allerdings meist in traditionellen Bahnen. Kreativ im künstlerischen Sinne ist er nicht. Er erschafft zwar etwas, das vorher nicht da war, es ist aber nicht innovativ. In unserem Buch werden Übungen vorgeschlagen, wie auch der Hobbymaler kreativ – im Sinne von innovativ – sein kann.

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