Kognitive Interventionen

Kognitive Interventionen

 

 

 

von: Martin Hautzinger, Patrick Pössel

Hogrefe Verlag Göttingen, 2017

ISBN: 9783840928314

Sprache: Deutsch

168 Seiten, Download: 2762 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Kognitive Interventionen



|52|2 Diagnostik und Indikation


In diesem Kapitel werden Hinweise und Empfehlungen für verschiedene Instrumente gegeben, die sich psychometrisch bewährt haben, die zur Erfassung bestimmter kognitiver Prozesse bzw. Konstrukte verfügbar sind. Es wurde darauf geachtet, dass die diagnostischen Verfahren zugänglich sind (z. B. über die Testzentrale des Hogrefe Verlages oder im Internet).

2.1 Selbstbeobachtung automatischer Gedanken


Sowohl im diagnostischen als auch im therapeutischen Prozess stellen Selbstbeobachtungen der inneren Vorgänge (Erleben, Emotionen, Kognitionen) anhand z. T. spontan bzw. selbst gestalteter Hilfsmittel den Königsweg zur Erfassung von kognitiven Prozessen dar. Beispiele für diese Hilfsmittel werden in Kapitel 1.3 und in Kapitel 3.5 sowie im Anhang (vgl. „Spaltenprotokoll negativer Gedanken“) dargestellt. Das sogenannte Spaltenprotokoll bzw. Tagesprotokoll negativer Gedanken (Hautzinger, 2015b) existiert in verschiedensten Versionen, Gestaltungen und Formen. Es kann in der 3-Spalten-Version am ehesten als Diagnostikum betrachtet und bereits früh im therapeutischen Prozess (z. B. während der Verhaltens- und Problemanalyse, vgl. Ubben, 2017) eingesetzt werden. Damit werden automatische Denkweisen, typische Attributionsmuster und Einstellungen bezogen auf konkrete Auslöser erkennbar. Patienten werden, nach entsprechender Einführung (siehe Kapitel 3.5) darum gebeten, zwischen den Therapiekontakten ihre spontan auftretenden Gedanken („was alles im Kopf vor sich geht“) zu protokollieren. Diese Selbstbeobachtungen können problemlos auch mittels Laptop, Smartphone oder Tablet dokumentiert und an die Therapeuten übersandt werden.

2.2 Angstkognitionen (ACQ)


Der ACQ ist Teil der Fragebogen zu körperbezogenen Ängsten, Kognitionen und Vermeidung (AKV; Ehlers, Margraf & Chambless, 2001) und erfasst das Ausmaß angstbezogener Kognitionen (siehe Kapitel 1.5). Während Angstzuständen und Angstanfällen kreisen die Gedanken von Patienten häufig um körperliche Krisen, Kontrollverlust und Bedrohung durch |53|katastrophale Entwicklungen. Die 14 Items des ACQ erfragen, wie häufig typische angstbezogene Gedanken auftreten. Für die körperbezogenen Gedanken und für Kontrollverlust können getrennte Summenwerte errechnet werden. Im Kasten sind drei Beispielitems des ACQ genannt. Die Instruktion erfragt, wie typisch derartige Gedanken während eines Angstzustandes sind.

Itembeispiele aus dem ACQ (vgl. Ehlers et al., 2001)

  • Ich werde in Ohnmacht fallen (Antwortmöglichkeit: nie, selten, gewöhnlich, immer)

  • Ich werde blind werden (Antwortmöglichkeit: nie, selten, gewöhnlich, immer)

  • Ich werde ersticken (Antwortmöglichkeit: nie, selten, gewöhnlich, immer)

2.3 Dysfunktionale Einstellungen (DAS)


Die Skala dysfunktionaler Einstellungen (DAS; Hautzinger, Joormann & Keller, 2006) erfasst die Ausprägung, die Art und die mögliche Verzerrtheit von Grundüberzeugungen. Die 40 Items sind an den kognitiven Modellen von Beck (siehe Kapitel 1.3) orientiert (Beispielitems im Kasten) und erlauben, tiefsitzende, vermutlich früh erworbene Haltungen, Überzeugungen und Denkmuster bezüglich der eigenen Person, den eigenen Möglichkeiten, der Zukunft und der Umwelt zu erfassen. Es lässt sich ein Gesamtwert dysfunktionaler Einstellungen, doch auch zwei Subskalenwerte zum Bereich Leistung und zum Bereich Anerkennung durch andere berechnen und mit vorliegenden Normen vergleichen.

Itembeispiele aus der DAS (vgl. Hautzinger et al., 2006)

  • Es ist schwer, glücklich zu sein, wenn man nicht gut aussieht, intelligent, reich oder kreativ ist (Antwortmöglichkeit: totale Zustimmung bis totale Ablehnung)

  • Wenn ich bei meiner Arbeit versage, dann bin ich als ganzer Mensch ein Versager (Antwortmöglichkeit: totale Zustimmung bis totale Ablehnung)

  • Ich bin ein Nichts, wenn eine Person, die ich liebe, mich nicht liebt (Antwortmöglichkeit: totale Zustimmung bis totale Ablehnung)

|54|2.4 Attributionsstil (ASQ)


Zur Erfassung der Attributionstendenzen im Sinne der reformulierten Hilflosigkeitstheorie (siehe Kapitel 1.7) wurde der „Attributional Style Questionnaire“ (ASQ; Kammer & Stiensmeier-Pelster, 1989) entwickelt. Es werden dazu 16 Items (8 mit negativem, 8 mit positivem Ausgang) in Form von kurzen Vignetten vorgegeben, die hinsichtlich der Ursachen (internal, stabil, global) und der persönlichen Relevanz eingeschätzt werden sollen. Ein Beispielitem ist im Kasten dargestellt.

|55|2.5 Response Stil (RSQ)


Der Response Style Questionnaire (RSQ; Kühner, Huffziger, Nolen-Hoeksema, 2007) ist als Fragebogen konzipiert, der kognitive Bewältigungsstile negativer (vor allem dysphorischer) Stimmungszustände auf der Grundlage der Responsestile-Theorie (siehe Kapitel 1.9) erfassen will. Insbesondere symptombezogene bzw. selbstbezogene Rumination und Distraktion, als drei aus der Theorie abgeleitete Bewältigungsstile werden unterschieden und mit den 23 Items der RSQ erfasst. Im Kasten sind Beispielitems dargestellt.

Itembeispiele aus dem RSQ (vgl. Kühner et al., 2007)

Wenn ich mich traurig oder niedergeschlagen fühle …

  • denke ich daran, wie allein ich mich fühle,

  • höre ich traurige Musik,

  • ziehe ich mich zurück und denke über die Gründe nach, weshalb ich mich so traurig fühle.

2.6 Rumination (RS)


Grübeln (Rumination) und Gedankenunterdrückung (Suppression) sind zwei dysfunktionale Emotionsregulationsstrategien, die mittels kognitiven Interventionen beeinflussbar sind. Pjanic et al. (2013) haben einen kurzen Fragebogen (RS-8: Screening-Instrument Rumination-Suppression) vorgeschlagen, der diese beiden dysfunktionalen Strategien erfasst. Bislang wurde dieses Instrument vor allem bei subklinischen Auffälligkeiten, doch auch bei Alkoholabhängigkeit und bei Essstörungen (Adipositas) untersucht (Ruminationsitems, vgl. Kasten).

Itembeispiele aus dem RS-8 (Pjanic et al., 2013)

  • Es sind immer ähnliche Gedanken, die mir im Kopf kreisen (Antwortmöglichkeit: 1 = stimmt überhaupt nicht bis 6 = stimmt genau)

  • Wenn ich traurig bin, kann ich bestimmte Gedanken schlechter ausweichen oder sie schlechter aushalten (Antwortmöglichkeit: 1 = stimmt überhaupt nicht bis 6 = stimmt genau)

  • Ich fühle mich bestimmten Gedanken ausgeliefert (Antwortmöglichkeit: 1 = stimmt überhaupt nicht bis 6 = stimmt genau)

|56|2.7 Schemata (YSQ)


Die Diagnostik grundlegender Schemata im Sinne der Schematheorie (siehe Kapitel 1.4) ist eine komplexe Angelegenheit und mittels Fragebogen nur in Ansätzen möglich. Young et al. (2005) schlagen dennoch einen Schemafragenbogen vor, der aus 75 Items besteht und insgesamt 15 Schemata enthält, nämlich Emotionale Vernachlässigung, Verlassenheit und Instabilität, Misstrauen und Missbrauch, Isolation, Unzulänglichkeit und Scham, Erfolglosigkeit und Versagen, Abhängigkeit und Inkompetenz, Verletzbarkeit, Verstrickung, Unterordnung und Unterwerfung, Aufopferung, Emotionale Hemmung, Unerbittliche Ansprüche, Beachtung suchen, Selbstdisziplin (vgl. Kasten). Für die Therapie relevant sind vor allem die Antwortstufen 5 und 6, also „überwiegend richtig“ und „völlig richtig“.

Itembeispiele aus dem Schemafragebogen (YSQ) (Young et al., 2005)

  • Im Allgemeinen gab es in meinem Leben niemanden, der mir Wärme oder Halt gab oder mir Zuneigung zeigte (Antwortmöglichkeit: völlig unrichtig bis völlig richtig)

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