Migration und Flucht - Orientierungswissen für die Soziale Arbeit

Migration und Flucht - Orientierungswissen für die Soziale Arbeit

 

 

 

von: Nausikaa Schirilla, Martin Becker, Jürgen E. Schwab, Cornelia Kricheldorff

Kohlhammer Verlag, 2016

ISBN: 9783170306813

Sprache: Deutsch

264 Seiten, Download: 3101 KB

 
Format:  EPUB, PDF, auch als Online-Lesen

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Migration und Flucht - Orientierungswissen für die Soziale Arbeit



2          Soziale Situation von Migrant(inn)en in Deutschland


 

 

 

2.1        Arbeit und Einkommenssituation


Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf alle in Deutschland lebenden Migrantengruppen unabhängig von der Herkunft, denn die soziale Situation von Migrant(inn)en lässt sich nicht durch das Herkunftsland oder ethnische Zugehörigkeit charakterisieren, wie bspw. die Sinus-Milieustudie Migration gezeigt hat. Das Institut »Sinus Sociovision« brachte 2007 eine auf qualitativen Interviews basierende Studie von Migrant(inn)enmilieus heraus, die zur Einteilung von acht verschiedenen Milieus kam. Diese Studie wurde 2009 um eine Repräsentativuntersuchung zu den Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund ergänzt (Becker 2009). Die beiden Sinus-Milieustudien Migration zeigten, dass Migrant(inn)en eines Herkunftslandes in der Regel in mehreren Milieus anzutreffen sind bzw. Migrant(inn)en eines Herkunftslandes oder ethnischer Gruppe auf verschiedene Milieus verteilt sind. Es lässt sich also weder von der sozialen Schicht auf das Herkunftsland schließen noch vom Herkunftsland auf die soziale Schicht.

Die Sinus-Studien beziehen sich vor allem auf Lebensweisen und Werteorientierungen. Aussagen über Lebenslagen und damit soziale Benachteiligung von Migrant(inn)en können sich auf zahlreiche Studien einzelner Wissenschaftler(innen) aus der Soziologie oder Erziehungswissenschaft zu bestimmten Migrantengruppen bzw. zu Bundesländern stützen (vgl. Pielage 2014, Santel 2000). Die folgende Darstellung bezieht sich jedoch vor allem auf den von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration und Flüchtlinge herausgegebenen Integrationsindikatorenbericht, um einheitliche Daten zu nutzen. Die Beauftragte der Bundesregierung für Migration und Flüchtlinge gibt auch zweijährlich einen Bericht heraus, aus dem die bisherigen statistischen Daten und auch weitere Studien zu sozialen Situation von Migrant(inn)en zusammengefasst sind. Der zweite Integrationsindikatorenbericht stellt ein Element des bundesweiten Integrationsmonitorings dar und erschien 2011. Er wurde vom ESG (Institut für Sozialforschung und Gesellschaftspolitik) und vom WZB (Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung) für die Beauftragte der Bundesregierung für Migration und Flüchtlinge verfasst. In dem Bericht wird in verschiedenen Bereichen – materielle Sicherung, Bildung, Arbeit, gesellschaftliche Partizipation etc. – belastbares Datenmaterial zur Situation von Menschen mit Migrationshintergrund gesammelt und ausgewertet (Die Beauftragte 2011). Integration wird in der Studie als Angleichung der Lebensverhältnisse verstanden. In dem Bericht wird die Situation der Bevölkerung mit Migrationshintergrund und ohne Migrationshintergrund anhand verschiedener Indikatoren verglichen. Darüber hinaus werden Integrationsfortschritte gemessen – die Daten werden über eine Periode von 2005 bis 2011 beobachtet und abgeglichen. Im zweiten Teil dieses Integrationsindikatorenberichts werden Sekundäranalysen vorgenommen und damit untersucht, inwieweit die anhand der Indikatoren festgestellten Unterschiede in der sozialen Situation von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund durch sozialstrukturelle Faktoren und Bildungsunterschiede zu erklären sind. In dem Bericht wird deutlich, dass Migrant(inn)en in vielen Bereichen sozial benachteiligt sind. Zugleich kommt der Bericht zu dem Schluss, dass ein großer Teil der Unterschiede mit den Ungleichheiten in der sozialen Herkunft und dem Bildungsniveau zu erklären ist, dass also Personen ohne Migrationshintergrund mit niedrigerem sozialen Status ähnliche Werte bezüglich Arbeit, Bildungsstand etc. aufweisen. Dennoch wird in dem Bericht deutlich, dass sich nicht alle beschriebenen Benachteiligungen durch sozialstrukturelle Faktoren erklären lassen: »Allerdings sind in der Mehrzahl der untersuchten Felder auch migrationsspezifische Nachteile insbesondere für Einwanderer aus Drittstaaten festzustellen, die sich nicht mit soziostrukturellen Merkmalen begründen lassen« (ebd., S. 10).

Sozioökonomische Situation


Die sozialen Folgen der Migration nach Deutschland sind vielfältig. Die soziale und wirtschaftliche Situation von Menschen mit Migrationshintergrund ist tendenziell deutlich schlechter als die Lage der Mehrheitsbevölkerung. Die Arbeitslosigkeitsquote ist höher (fast doppelt so hoch), ebenso der Anteil der Langzeitarbeitslosen, das Arbeitslosigkeitsrisiko und die Altersarmut (vgl. Santel 2007, Die Beauftragte 2011, 2012). Im Jahr 2010 verfügten bspw. 62% der Familien mit Migrationshintergrund über weniger als 2600 € im Monat, bei Familien ohne Migrationshintergrund waren es 44% (Die Beauftragte 2011).

Über ein geringeres Einkommen als der Durchschnitt verfügten unter den Personen mit Migrationshintergrund 26,2%, ohne denselben waren es 11,7%. Auch die Armutsgefährdungsquote bei Erwerbstätigen mit Migrationshintergrund war im Jahr 2010 mit 13,8% mehr als doppelt so hoch als bei Erwerbstätigen ohne Migrationshintergrund (6,2%). Die Armutsrisikoquote (Verfügung über weniger als 60% des gemittelten Durchschnittseinkommens) lag 2010 bei Personen mit Migrationshintergrund bei 26,2% (Personen ohne Migrationshintergrund 11,7%).

Ein Blick auf die Arbeitslosenstatistiken zeigt: Seit nahezu 20 Jahren liegt die Arbeitslosigkeit von Ausländer(innen) mehr als doppelt so hoch wie die der Deutschen. So lag die Arbeitslosenquote im April 2012 bei 15,0% Ausländer(innen), bei den Deutschen bei 6,4%. Auch seit 2005 ist die Arbeitslosigkeit von Migrant(inn)en kontinuierlich doppelt so hoch wie die der Deutschen ohne Migrationshintergrund (2012: 15% zu 6,4%). Auch die Hilfequoten in der Grundsicherung sind höher (16,25% im Vergleich zu 7,8%).

Die soziale Benachteiligung gilt nicht nur für die Frage, ob das Einkommen aus Erwerbsarbeit bestritten wird oder nicht, sondern auch für die Frage, welches Einkommen aus der Erwerbsarbeit erzielt wird. Die Einkommenssituation von Menschen mit Migrationshintergrund ist nach wie vor deutlich prekärer als die von Menschen ohne Migrationshintergrund. Auch bei Personen mit Migrationshintergrund, die ihren Lebensunterhalt überwiegend aus der Berufstätigkeit bestritten, war die Armutsgefährdungsquote (mit 11,9%) mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Migrationshintergrund (4,9%) (Die Beauftragte 2012, S. 419).

Eine Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge zum Niedriglohnbereich zeigte, dass 2007/2008 bei Ausländer(inne)n der Niedriglohnanteil bei 35,2% lag – dies war mehr als das Doppelte des Niedriglohnanteils bei Deutschen (Bundesamt 2011). Niedriglohnbeschäftigte mit Migrationshintergrund arbeiteten selten in Berufen mit qualifizierter Ausbildung, und der Anteil von Personen ohne berufliche Ausbildung ist deutlich höher als bei Beschäftigten ohne Migrationshintergrund (Die Beauftragte 2012, S. 420). Wenn Migrant(inn)en also Arbeit haben, sind sie oft im niedrigeren Lohnsegment und in prekären Arbeitsverhältnissen anzutreffen (Bundesamt 2011).

Die Anzahl der Selbstständigen bei Ausländer(inne)n und Menschen mit Migrationshintergrund stieg bspw. in den sechs Jahren vor 2010 stärker als die der Deutschen bzw. Menschen ohne Migrationshintergrund. Dies ist ein Indikator für wirtschaftliche Aktivitäten, es kann sich aber auch um eine Reaktion auf vergangene oder drohende Arbeitslosigkeit handeln, wenn die hohe Arbeitslosigkeit bedacht wird und wenn man berücksichtigt, dass es sich bei Betrieben von Migrant(inn)en meist um Klein- und Kleinstbetriebe handelt.

Die Gründe für diese Disparitäten sind vielfältig: Einerseits spielen niedrige formale, schulische und berufliche Qualifikationen eine Rolle, andererseits drängt aber auch die mangelnde Anerkennung von Abschlüssen und Berufstätigkeiten vieler Migrant(inn)en (vor allem Spätaussiedler(innen) und Flüchtlinge) diese in die Arbeitslosigkeit oder in eine Beschäftigung im prekären und gering vergüteten Bereich. Der letztere Aspekt kann sich insofern ändern, als es seit 2012 ein Berufsanerkennungsgesetz gibt (Berufsqualifikationsfeststellungsgesetz – BQFG, s. www.anerkennung-in-deutschland.de). Strukturelle Ursachen spielen aber eine ebenso große Rolle: Die früheren Gastarbeiter waren überwiegend in der Produktion beschäftigt, dort gab es wenig Anforderungen an Bildung und Deutschkenntnisse, denn die Beschäftigten führten einfache, repetitive Tätigkeiten aus. Mittlerweile hat sich ein Strukturwandel weg von der Produktion zur Dienstleistungsgesellschaft vollzogen, und auch die noch vorhandene Produktionsindustrie hat sich in ihren Abläufen so verändert, dass der Anspruch an Qualifikation und Deutschkenntnisse wesentlich höher ist. Auch die Beschäftigung in krisenanfälligen Branchen hat zu den negativen sozialen Folgen beigetragen. Eine Ursache für diese soziale Benachteiligung liegt aber auch in...

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