Co-Abhängigkeit - ein hilfreiches Konzept? Über die Wirksamkeit psychotherapeutischer Gruppen für Angehörige

Co-Abhängigkeit - ein hilfreiches Konzept? Über die Wirksamkeit psychotherapeutischer Gruppen für Angehörige

 

 

 

von: Ingrid Trabe

Diplomica Verlag GmbH, 2015

ISBN: 9783842846920

Sprache: Deutsch

86 Seiten, Download: 280 KB

 
Format:  PDF, auch als Online-Lesen

geeignet für: Apple iPad, Android Tablet PC's Online-Lesen PC, MAC, Laptop


 

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Co-Abhängigkeit - ein hilfreiches Konzept? Über die Wirksamkeit psychotherapeutischer Gruppen für Angehörige



Kapitel 3, Neue Entwicklung und Forschung zu Angehörigenarbeit: 3.1 Angehörige als 'Enabler': Im deutschsprachigen Raum hat sich M. Rennert mit ihrem Standardwerk 'Co-Abhängigkeit. Was Sucht für die Familie bedeutet' ausführlich mit Co-Abhängigkeit beschäftigt und unter anderem festgestellt, dass die Gemeinsamkeiten betroffener Angehöriger nicht suchtspezifisch sind. Sie bezieht sich in ihrer Theorieentwicklung auf die eigene Praxisarbeit und stützt diese mit Beispielen aus der amerikanischen Suchtkrankenhilfe. Sie hat den Begriff des 'Enablers' entwickelt, der Person im Umfeld eines Suchtkranken, die es ermöglicht, dass die Suchterkrankung in der Familie aufrechterhalten, unterstützt und gefördert wird. Ihre Studie schließt internationale Vergleiche mit ein und beschreibt zentral die Rolle des 'Enablers', eben jener Person, die die Entwicklung von Abhängigkeit ermöglicht und dadurch zum 'Komplizen der Sucht' wird. Rennert hat mit ihrem Bezug zur amerikanischen Suchtkrankenhilfe auch deutlich gemacht, welche große Bedeutung und welchen Einfluss das 12-Schritte-Programm dort in klinisch-institutionellen Bereichen hat. [...] Ein 'Enabler' kennzeichnet sich dadurch, dass er suchtfördernde Verhaltensstile anwendet, und diese finden ihren Ausdruck in bestimmten Verhaltensweisen, etwa im Vermeiden und Beschützen. Angehörige vermeiden Situationen, in denen die suchtkranke Person mit dem Suchtmittel in Berührung kommen kann, sie vermeiden aber auch jegliche Auseinandersetzung und damit die Konfrontation mit der 'Tatsache Sucht'. Sie beschützen die suchtkranke Person vor den Auswirkungen des Suchtverhaltens und verschleiern dadurch die realen Auswirkungen des Suchtverhaltens. Die Versuche, den Drogenkonsum des Abhängigen zu kontrollieren, gehören ebenfalls zu den gängigen Verhaltensweisen in Suchtfamilien und/oder partnerschaften. Dazu gehört die bereits in einem vorhergehenden Kapitel beschriebene 'Flaschenjagd' ebenso wie das Mitkonsumieren der Droge, um den Konsum für den Betroffenen insgesamt einzuschränken. Die Motive, die hinter diesem Verhalten stehen, sind der Versuch von Angehörigen, stellvertretend für den Suchtkranken die Sucht unter Kontrolle zu bringen. Angehörige übernehmen zunehmend Verantwortlichkeiten, die davor der Suchtkranke übernommen hat. Ob es sich nun um kleine alltägliche Pflichten oder große finanzielle oder familiäre Entscheidungen handelt, dem Suchtkranken werden Entscheidungen mehr und mehr entzogen. Dieses Verhalten gleicht einer Teilentmündigung und Suchtkranke verlieren mitunter dadurch noch an Halt. Durch Rationalisieren und Akzeptieren versuchen Angehörige, Gründe für den Suchtmittelkonsum zu finden, teilweise entschuldigen sie damit das Suchtverhalten ihrer Familienmitglieder oder Partner, aber auch die eigene 'Unfähigkeit', das Problem Sucht zu beseitigen. Unterstützt werden sie darin durch eine (Medien-)Welt, in der Begriffe aus Psychoanalyse, Psychologie und Psychotherapie schon lange umgangsprachig verwendet werden und in Fragmenten Eingang in die Alltagssprache gefunden haben. So finden Angehörige pseudopsychologische Erklärungen für das Suchtverhalten. Akzeptieren und Resignieren beinhaltet, dass die eingangs angeführten Verhaltensstile beibehalten werden und sich verfestigen. Unter dem suchtfördernden Verhaltensstil von Kooperation und Kollaboration sind jene Unterstützungen zu verstehen, die sich auf Beschaffung des Suchtmittels und die Unterstützung des Konsums beziehen, egal, ob Alkohol oder illegale Drogen. Angehörige wenden sehr viele Mittel an, um die Illusion der Kontrolle aufrechtzuerhalten oder um die Auswirkungen des Suchtmittelkonsums zu minimieren. In ihrem Bestreben zu helfen und zu retten, stellen Angehörige ihre eigenen Bedürfnisse völlig in den Hintergrund und ihr Leben ist in zunehmendem Maß ausschließlich auf den suchtkranken Familienangehörigen, dessen Verhalten und Bedürfnisse ausgerichtet (vgl. Rennert 1990, S. 54-56). Co-abhängiges Verhalten entwickelt sich nach Rennert in einem Stufenmodell und ist deshalb bei Angehörigen in unterschiedlichen Ausprägungen zu finden. Bei sporadisch co-abhängigem Verhalten wird es noch als möglich empfunden, sich so oder anders zu entscheiden, die Entscheidung wird allerdings nicht immer bewusst getroffen. Bei gewohnheitsmäßigem co-abhängigem Verhalten wird eine Entscheidung zwar noch als möglich empfunden, aber nicht mehr als solche erwogen. Bei zwanghaftem co-abhängigem Verhalten gibt es für den Betroffenen keine Wahl und eine alternative Entscheidung ist unmöglich. Bei süchtigem co-abhängigem Verhalten wird eine Entscheidung als unmöglich oder sogar existentiell bedrohlich empfunden, in dieser Phase darf es keine andere Möglichkeit mehr geben (vgl. Rennert 1990, S. 196). Die 'Enabler-Rolle' zeigt in jedem Fall sehr deutlich das äußerst ambivalente Verhalten von Angehörigen, die dadurch direkt ein Suchtverhalten stützen, das sie zutiefst verurteilen. In diesem Zustand wechseln Angehörige auch häufig ihre Rollen als Märtyrer oder als Manager. Einerseits halten sie massive Spannungen und Frustrationen aus, andererseits erhalten sie die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, Kontrolle auszuüben und Veränderungen zu fordern. 'In der klinisch-psychologischen Forschung wurde die ambivalente Rolle des Angehörigen mit dem Modell des tertiären Krankheitsgewinns beschrieben. Darunter wird der Vorteil verstanden, der sich für einen Angehörigen - neben allen Nachteilen - ergibt, wenn der Partner für längere Zeit suchtkrank ist (z. B. Zugewinn an Sozialkompetenz, Achtung und Bewunderung im Bekanntenkreis).' (Klein 2000, S. 148-149) [...]

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