»Wir nennen es Wirklichkeit« - Denkanstöße zur Netzkultur

»Wir nennen es Wirklichkeit« - Denkanstöße zur Netzkultur

 

 

 

von: Peter Kemper, Alf Mentzer, Julika Tillmanns

Reclam Verlag, 2014

ISBN: 9783159605494

Sprache: Deutsch

258 Seiten, Download: 1133 KB

 
Format:  EPUB, auch als Online-Lesen

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»Wir nennen es Wirklichkeit« - Denkanstöße zur Netzkultur



Christian Heller


Post-Privacy – Vom Ende der Privatheit

»So, ab jetzt nie wieder Wodka. Habe mir grade meine ganze Seele aus dem Leib gekotzt.« »Ich hasse meine Chefin. Ich wünschte, sie würde sterben oder zum Krüppel werden.« »Endlich wird wieder gekifft!« Solche Sätze hinterlassen Menschen auf Facebook in Menge, nicht verhüllt, sondern unter ihrem bürgerlichen Namen – und für jedermann lesbar, auch für Leute ohne Facebook-Konto. Gesammelt werden sie auf www.weknowwhatyouredoing.com: »Wir wissen, was ihr tut.« Hier wird angezeigt, was Facebook aus den Gesprächen seiner Nutzer als Antwort auf bestimmte Suchanfragen öffentlich herausgibt – wie etwa der nach allen Nachrichten, die gleichzeitig die Wörter »hate« (»hassen«) und »boss« (»Chef«) enthalten.

Nicht jede Äußerung auf Facebook ist so öffentlich. Es gibt Wege, den Informationsfluss so einzustellen, dass nicht die ganze Welt mitlesen darf. Oft bleiben diese Möglichkeiten aber ungenutzt – sei es aus Unwissenheit oder aus Gleichgültigkeit. Datenschützer warnen: Was an Informationen über uns im Netz kreist, kann uns gefährlich werden. Hier lesen nicht nur verständnisvolle Freunde mit, sondern vielleicht auch Stellen, die diese Informationen gegen uns verwenden – etwa Arbeitgeber oder der Staat. Trotzdem wird das Veröffentlichen des eigenen Lebens im Netz für immer mehr Menschen zum Alltag. Neben einer Milliarde Facebook-Nutzer gibt es beispielsweise noch Hunderte Millionen Nutzer des Dienstes Twitter, bei dem sich jeder Nutzer eigene Echtzeit-Nachrichtenticker über das Allerpersönlichste einrichten kann. Längst nicht jeder veröffentlicht bereitwillig Intimstes. Alles in allem teilen aber immer mehr Menschen immer mehr von ihrem Leben einem immer größeren Personenkreis mit, wird immer mehr privates Leben öffentlich – und zwar größtenteils freiwillig. Im Jahr 1999 antwortete Scott McNealy, CEO des amerikanischen IT-Unternehmens Sun, auf Ängste, die wachsende informationstechnische Erschließung der Welt schaffe Möglichkeiten allgegenwärtiger Überwachung, mit dem Satz: »Sie haben sowieso null Privatsphäre. Finden Sie sich damit ab!«1 Zeitgleich erschien in den USA ein Buch des Autors David Brin, dessen Titel ins Deutsche übersetzt lautet: »Die Transparente Gesellschaft: Wird die Technologie uns zwingen, uns zwischen Privatsphäre und Freiheit zu entscheiden?«2 Laut Brin lässt sich die Allgegenwart von Überwachungstechnologie nicht aufhalten. Die wichtigste Frage für die Zukunft lautet nicht, wie wir uns der Überwachung entziehen – sondern wie wir sicherstellen, dass ihre Macht in den Händen von uns allen statt in den Händen von nur wenigen Privilegierten liegt: Wer mich überwacht, den muss ich selbst überwachen können. Brin skizziert eine Gesellschaft, in der es weder Geheimnisse noch Geheimdienste gibt, in der alles für jeden transparent ist – und sich Macht- und Freiheitsverhältnisse dementsprechend neu ausbalancieren.

Ein gutes Jahrzehnt später scheinen sich die Vorhersagen zu bestätigen: Nahezu jeder Bereich unseres Lebens liegt im Einzugsbereich von Maschinen, die Daten sammeln, auswerten und weiterverbreiten. Wer diese Maschinen nicht selbst füttert, wird von Behörden, Unternehmen, Webseiten und Mitmenschen zur Not auch ohne sein Einverständnis erfasst, ausspioniert, entblößt. Wie Brin einforderte, geht die Überwachung dabei nicht nur von wenigen Machthabern aus, sondern von den Massen selbst. Transparenz trifft die Kleinen wie die Großen – wie WikiLeaks mit seinen Enthüllungen der diplomatischen und militärischen Verschlusssachen der USA zeigte. Eric Schmidt, als CEO von Google Vorsteher einer der größten Maschinen zum Sammeln und Verbreiten von Informationen, fasst die Lehre der Gegenwart aus Sicht seines Unternehmens wie folgt zusammen: »Wenn es bei Ihnen etwas gibt, von dem Sie nicht wollen, dass irgendjemand davon erfährt, dann sollten Sie es vielleicht gar nicht erst tun.«3

Chancen und Risiken

Was treibt Menschen im Zeitalter der »Post-Privacy« dazu, also von Privatsphäre als Auslaufmodell, so vieles so bereitwillig preiszugeben? Die Bloggerin Jelena Gregorczyk beispielsweise schreibt viele ihrer Sorgen und psychischen Probleme sehr offen ins Netz. Nach ihrer Motivation gefragt, antwortet sie, das Sich-Veröffentlichen nehme »Druck« von ihr: Wenn man alles über sich erzähle, dann bereite die Gefahr der Entblößung durch andere weniger Sorge. Der Blogger Michael Seemann verweist auf praktische Vorteile: Er und ein Gutteil seines Freundeskreises nutzen den Dienst Foursquare4. Der ermöglicht seinen inzwischen 20 Millionen Teilnehmern, ihre wechselnden Aufenthaltsorte öffentlich zu protokollieren. Mitlesende Bekannte erfahren so, wo sie im Augenblick vorbeischauen müssten, um den jeweiligen Foursquare-Nutzer anzutreffen. Damit fallen spontane Treffen und Verabredungen untereinander leichter.

Foursquare ist einer von vielen Diensten, die es ihren Nutzern über den offenen Umgang mit ihren Daten erleichtern, in Beziehung zu bleiben, sich »zu vernetzen«. Nicht umsonst tragen solche Dienste die Bezeichnung »Social Media« – »soziale Medien«. Die Bloggerin Helga Hansen beschreibt den Effekt autobiographisch: Ohne die soziale Wirkung des Netzes »hätte ich wahrscheinlich nie so viele Leute kennengelernt« – vor allem nicht solche, die »mit mir auf einer Wellenlänge sind«. Hierfür sei offene Selbstdarstellung »ein Vorteil«: Sie legt Anknüpfungspunkte frei, über die man einander finden, sich solidarisch organisieren, Bedürfnisse und Angebote einander zuführen kann. Michael Seemann erwähnt, positive Erfahrungen mit Offenheit im Netz habe er immer dann gemacht, »wenn [er] Wünsche artikuliert habe«. Etwa: »Kann mir jemand bei dem Projekt helfen, kann mir jemand eine Information liefern?« Äußerte er diese Wünsche öffentlich im Netz, so bekam er sie erfüllt. Hier werden die eigenen Voraussetzungen und Interessen aufgegriffen, positiv verstärkt, erfüllt und weitergedacht – solange man sie dem Netz zugänglich macht.

Es gibt aber auch negative Spiegelbilder dieser Erfahrung. Darüber hat Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Uni Tübingen, zusammen mit der Kommunikationswissenschaftlerin Hanne Detel ein Buch geschrieben mit dem Titel »Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter«5. Es analysiert Fälle von Menschen und Institutionen, die infolge der lockeren Verbreitung ihrer Daten zum Angriffsziel öffentlicher Skandalisierung, Anfeindung und Verfolgung wurden.

»Heute kann jeder einen Skandal auslösen, besitzt jeder die Instrumente«, so Pörksen im Gespräch über das Buch: Seit jeder die Mittel hat, ein großes Publikum anzusprechen, kann auch jeder das Verhalten anderer öffentlich aufzeigen und anprangern – sei es das Verhalten eines Politikers, eines Medienstars oder das Verhalten des Nebenmenschen. Daraus, dass im Netz jeder skandalisieren kann, was ihm missfällt, folgt auch: »Jeder kann Opfer eines Skandals werden, zum Objekt gänzlich unerwünschter Aufmerksamkeits- und Beobachtungsexzesse.« So erzählen Pörksen und Detel davon, wie intime E-Mails deutscher Beamtinnen versehentlich an falsche Adressen geschickt und dann durch die unbeabsichtigten Empfänger als Amüsier-Vorlage an eine spöttelnde landesweite Öffentlichkeit weiterverbreitet wurden. Sie berichten auch, wie ein nur für engste Freunde gedachtes Affären-Klatsch-Blog der Angestellten einer US-Regierungs-Behörde von einem Tag auf den anderen unverhofften Ruhm bis in die Fernseh-Presse erfuhr und so die Enttarnung und Entlassung dieser Angestellten nach sich zog. Es erzählt davon, wie der Wutausbruch eines älteren Herrn im öffentlichen Personennahverkehr von Hong Kong von einem unbeteiligten Studenten mit seinem Handy aufgenommen und auf ein Video-Portal hochgeladen wurde, was dem Schimpfenden unverhoffte, meist höhnische bis feindselige Berühmtheit bei Millionen seiner Mitbürger verschaffte.

Das Netz als Post-Privacy-Maschine entblößt und stellt alle an den öffentlichen Pranger – auch die Großen und Mächtigen, wie zum Beispiel die Fälle WikiLeaks und zu Guttenberg zeigen, aber ebenso die Kleinen und Schwachen, die oftmals viel weniger Fluchträume oder Mittel zur Gegenwehr besitzen. Detel und Pörksen fanden bei ihren Recherchen zu den Folgen des »entfesselten Skandals« eine große Vielfalt an mal mehr, mal weniger schwerwiegenden Folgen für die Betroffenen. Manchen gelingt es, die eigene öffentliche Bloßstellung durch geschicktes Taktieren mit der Aufmerksamkeitsökonomie für eigene Zwecke einzuspannen. Manche verlieren öffentliches Ansehen, Geldgeber, ihr Amt. Mancherorts, vor allem in China, werden sie von einer strafsüchtigen Netzgemeinschaft mit äußerster Aggression für ihr aufgedecktes Verhalten verfolgt, auf persönliche Angriffspunkte hin ausgekundschaftet, belästigt und terrorisiert – bis ihnen nur noch der vollständige Rückzug aus dem öffentlichen Leben bleibt.

Post-Privacy-Fürsprecher leugnen solche Schattenseiten nicht. Solche Probleme folgen notwendig aus ihrer Theorie des »Kontrollverlusts« über unsere Daten – der steigenden Unfähigkeit, der Verdatung der Welt und der Anarchie der Datenflüsse Herr zu werden: Gesetze, Zensur-Versuche oder der individuelle Versuch, sich der Verdatung zu entziehen, unterliegen der informationstechnischen Entwicklung und den entfesselten Kommunikationsbedürfnissen von Milliarden Menschen. Als Michael Seemann die...

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